Western Stars (auf Deutsch)

Ein Gedanke verfolgt mich, wenn ich Bruce Springsteens neuestes Album Western Stars höre: Der junge Protagonist, der am Anfang des Durchbruch-Albums Born to run das Auto nimmt und seine Heimatstadt (eine Stadt der Verlierer) verlässt, hat noch nicht die Endstation der Straße “Thunder Road” gefunden. Sein ganzes Leben hat er ein Zuhause gesucht und er wandert immer noch herum ohne es zu finden.

Zahlreiche Hauptfiguren aus Springsteens Liedern versuchen den Sinn des Lebens zu finden. Sie bereisen die Straßen um einer Art Freiheit nachzujagen. Sie fahren auf endlosen Schotterstraßen und asphaltierten Autobahnen. Die Einsamkeit und die Suche nach Wahrheit und Sinn werden romantisiert.

”You fall in love with lonely, you end up that way.”

Die Szenarien in Springsteens neunzehntem Studioalbum fühlt sich wohl bekannt und auch wesentlich unbekannt an. Sie spielen nicht in New Jersey oder New York City, sondern im Südwesten der USA und in Kalifornien. Man spürt die heißen Winde von Santa Ana, das verführerische Leere der Wüste und den Canyon oberhalb von Los Angeles.

Irgendwo am Strand liegt ein Sleepy Joe’s Café, wo die Leute am Samstag kurz aufleben bevor das Alltagsleben am Montag sie wieder zum Sterben führt. Züge fahren hin und her nach Tuscon in Arizona und ein Moonlight Motel liegt mitten im Nirgendwo.

Das Album ist teilweise von einem dunklen und melancholischen Gefühl geprägt und ich habe Schwierigkeiten, damit zu verbinden. Bruce Springsteens Stilwechsel in Richtung eines weichen, polierten Country-Pop ist nicht nach jedermanns Geschmack, und erst recht nicht nach meinem. Ich hätte lieber noch einen Album mit rauen “breitbeinigen” Rock und/oder einen mit akustischen Volksliedern gesehen.

Nichtsdestotrotz, die Stimme von Springsteen hat noch nie so gut geklungen und mir gefallen einige der Lieder;

In Tucson Train klingt die Musik eher hoffnungsvoll als verzweifelt. Der Sänger hat San Francisco verlassen, um in Tucson ein neues Leben zu finden. Jetzt wartet er darauf, dass seine Liebe ihm folgt und im Zug ankommt. Obwohl er wiederholt, dass sie in den Zug kommt, könnte sich ein Zuhörer fragen, ob es nicht eher Wunschdenken ist.

Das Zug-Motiv dauert in Hello Sunshine. Die Hintergrund-Drum-Machine setzt den Rhythmus eines Zuges fest (das Puls des Songs). Es ist ein Lied, in dem es darum geht, seine Gewohnheiten zu ändern.

You know I always liked my walking shoes/But you can get a little too fond of the blues

Die Stimmung in Sleepy Joe’s Café steht in starkem Kontrast zum Rest des Albums. Es ist fröhlich und offenbar von mexikanischen Volksmusik beeinflusst. Textlich macht es auch Spaß. Es handelt von einer idealisierte Oase ” ‘cross the San Bernardino line”, in der arbeitende Leute ihre Sorgen vertanzen können.

Versteht mich nicht falsch, obwohl ich das Album nicht so sehr mag (es spricht mich einfach nicht an), ist Western Stars exemplarisch produziert und abgemischt. Bruce Springsteen hat sich offenbar mit großer Liebe und Arbeit in der Produktion dieser Platte engagiert. Die Songs schildern das Leben und Kämpfen einfacher Menschen, ohne politisch zu sein (er hätte politischer sein können). Persönlich wird es auch, wenn er über seine Depressionen spricht. Es ist ein wirkliches Konzeptalbum und jetzt kommt auch (Sondermeldung) ein Film (!).

In Western Stars (der Film) spielt Springsteen alle 13 Songs seines neuesten Albums, gemischt mit “Archivmaterial und Springsteens persönlicher Erzählung”. Der Film wird nächsten Monat auf dem Toronto International Film Festival uraufgeführt, und ab Ende September/Anfang Oktober wird er auch in europäischen Kinos laufen. Ich bin auf diesen Film sehr gespannt.

2 comments

  1. Sehr schön geschrieben!
    Ich habe mir “Western Stars” noch am Tag der Erstveröffentlichung (14. Juni) gekauft, aber bisher nur zwei bis drei Mal gehört. “Western Stars” und “Moonlight Motel” stechen da besonders hervor, aber der Rest plätschert so dahin…
    Dein sehr lesenswerter Beitrag wird hoffentlich Antrieb sein, mir das Album noch einmal in Ruhe anzuhören und die Texte zu lesen, wobei ich aber in Gedanken beim nächsten “größeren” Konzert bin, in dessen Liedern ich noch nicht sattelfest bin.

    Greetings from Vienna, AT!

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